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Schmerzen beim dementen Hund richtig behandeln

Schmerzen können bei Hunden mit Demenz zu gefährlichen Situationen führen. scimmery1, DollarPhotoClub Schmerzen können bei Hunden mit Demenz zu gefährlichen Situationen führen.

Warum Schmerzbehandlung bei Hunden mit Demenz besonders wichtig ist

Der Hund als Nachfahre eines Beutegreifers reagiert auf Schmerzen gereizt und gestresst. Denn Schmerzen verkürzen die Lebensdauer und verschlechtern die Lebensqualität des Tieres. Eine Schmerzbehandlung bei akutem und chronischem Schmerzgeschehen ist deshalb ein wichtiges Instrument zur Gesunderhaltung des Tieres. Manchmal aber, vor allem bei alten Hunden mit einer Demenzerkrankung, ist der Schmerz des Tieres nicht zu erkennen. Oder die Besitzer fürchten, dem alten, geschwächten Organismus mit Schmerzmitteln mehr zu schaden als zu nützen. Im folgenden Artikel wird diskutiert, wie sich die Schmerzwahrnehmung eines dementen Hundes verändern kann und welche Folgen damit verbunden sind. Außerdem wird erläutert, warum eine konsequente Schmerzbehandlung auch und gerade bei dementen Hunden so wichtig ist.

Der Körper eines jeden Tieres und des Menschen ist darauf eingestellt, bei einem auftretenden Schmerzreiz zunächst einmal reflektorisch, schließlich automatisch und erst an dritter Stelle bewusst zu reagieren. Der Grund dafür: Bewusste Vorgänge nehmen Zeit in Anspruch nehmen, Schmerz zeigt aber immer eine potenzielle oder eingetretene Gewebeschädigung an und somit eine direkte Bedrohung für den Organismus.

Schmerz: Was passiert im normalen Gehirn?

Die unbewussten Reaktionen übernehmen alle unbewusst arbeitenden Gehirnbereiche für Flucht und Angriff (Stressreaktion!). Es wird nicht unterschieden, ob ein Schmerz von einer lebensbedrohlichen Gefahr ausgeht oder einfach nur intensiv ist.

Ein Fluchttier wie das Pferd wird demnach mit Scheuen und Flucht reagieren, während ein Beutegreifer wie der Hund durchaus mit defensiver Aggression reagieren kann. Das Wesen der defensiven Aggression ist, dass sie nicht gegen ein Ziel gerichtet ist. Ein Hund kann also bei einem Schmerzreiz durchaus erst einmal schnappen, bevor ihm klar wird, woher der Schmerz stammt.

Für die Verarbeitung von potentiell gefährlichen Signalen aus der Umwelt ist der gleiche Teil des Gehirns zuständig, der auch für Lernen und Gedächtnis verantwortlich gemacht wird. Hier entscheidet das Gehirn, ob ein Schmerzreiz eine Gefahr für das Überleben darstellt oder ignoriert werden darf. Hier wird auch gelernt, wie man gefährlichen Situationen am besten aus dem Wege geht, denn nicht immer sind Angriff oder Flucht die geeignetsten Verhaltensweisen. Vor einer eingerissenen Pfote kann man z.B. nicht davon laufen, man kann aber auch niemanden dafür beißen. Stattdessen kann man die Pfote z.B. anheben und sein Frauchen bitten, den Schmerz weg zu machen.

Der Konflikt zwischen der langsameren bewussten Analyse der Situation und des Schmerzes gegenüber einer sofortigen automatischen Abwehr zeigt sich häufig bei neurogenen Schmerzen, wenn ein Nerv gereizt ist oder beginnt auszuwachsen und das Tier aus dem Schlaf heraus plötzlich mit dem Schmerzreiz erwacht und nicht erkennt, woher dieser Schmerz stammt. Auf diesem Wege hat es schon einige Unfälle mit geistig völlig gesunden Hunden gegeben.

Das Alzheimer Demenz Phänomen des „vergessenen Schmerzes“

Der Mechanismus „Schmerz“ ist eine direkte Warnung des Körpers an das Gehirn über eine potenzielle oder konkrete Gewebeschädigung und damit mögliche Lebensbedrohung. Schmerz als solcher wird auch vom bewusstlosen Lebewesen erkannt und äußert sich in vegetativen Stressreaktionen. Wer die Gelegenheit ergreifen kann und bei einer Operation am anästhesierten Menschen zuschauen darf, wird an den Anzeigen des Anästhesisten immer eine Veränderung der Vitalwerte feststellen, sobald der Chirurg mit der Arbeit beginnt. Schmerz braucht kein Bewusstsein und damit auch keine bewusste Empfindung, um den Körper unter Stress zu setzen.

Stress führt zu vegetativen Veränderungen und kann den Organismus schädigen, wenn er häufig oder dauerhaft einwirkt. Ein häufiger oder dauerhafter Schmerz, der nicht behandelt wird, kann also zu einer Stresserkrankung führen.

Bei Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, wird neuerdings ein Phänomen beschrieben, das sich „vergessener Schmerz“ nennen lässt. In der Demenz ist nicht nur das allgemeine Gedächtnis dem Untergang geweiht, sondern auch das sogenannte Schmerzgedächtnis. Der Mensch erinnert sich nicht an das Gefühl des Schmerzes und weiß nicht mehr einzuschätzen, ob das Anfassen einer heißen Herdplatte schmerzt oder nicht. Diese Menschen äußern bewusst keine Schmerzen, nur ihr Körper reagiert mit automatischen Verhaltensweisen und Stress.

Tiere empfinden und reagieren auf Schmerz ebenso wie Menschen. Darum ist es wahrscheinlich, dass an CDS (Kognitives Dysfunktionssyndrom, Demenz des Hundes) erkrankte Tiere auch nicht mehr bewusst und gezielt auf Schmerzreize reagieren oder diese vermeiden. Es kann dabei zu Selbstverletzungen, Verletzungen der Halter und Stresserkrankungen des Tieres kommen.

Wenn ein Hund den Schmerz nicht mehr bewusst zuordnen kann, nicht mehr weiß, wie er ihn vermeiden oder beseitigen kann, übernehmen reflektorische und automatische Verhaltensweisen die Steuerung. Das bedeutet, dass ein solches Tier plötzlich defensive Aggression zeigen kann. Da das bewusste Angstzentrum ebenfalls in dem geschädigten Gebiet liegt, genau dort, wo normalerweise der Schmerz zur Angst führt, kann das defensive Aggressionsverhalten ohne die vorherigen üblichen Warnzeichen ablaufen. Das Tier weiß nicht, dass es drohen sollte, es hat vergessen, das Drohen Gefahren abwendet. Es weiß auch nicht, dass Flucht oder Demutsgesten eine Gefahr abwenden. All diese als Welpe erlernten Mechanismen und Strategien können bei fortschreitender Demenz gelöscht worden sein.

Die Reaktion eines betroffenen Hundes kann ein Biss sein – möglicherweise sogar ganz ohne Warnzeichen. Es ist dies aber kein Angriffsbiss, der gezielt in die Richtung eines Gegners erfolgt. Der Biss vom Hund vielmehr gegen sich selbst oder auch liebevoll bemühte Menschen und Artgenossen gerichtet sein. Der Umgang mit diesen Tieren ist ohne vorbeugende Schmerzbehandlung also durchaus unfallträchtig.

Da alternde Tiere wie alternde Menschen häufig unter chronischen Schmerzen des Bewegungsapparates leiden, befinden sich diese ohne Schmerzmittel im Dauerstress. Unruhe, vermehrtes Hecheln, Lageveränderungen, sich wie ein nasser Sack fallen lassen, Stöhnen, Schmatzen – all dies können vegetative Anzeichen des Schmerzes sein. Schmerz entzieht, auch wenn er unbewusst bleibt, dem Körper große Mengen Energie bei gleichzeitig verlorenem Appetit. Die Lebenserwartung und Lebensqualität dieser Tiere ist deutlich verringert, kann aber leicht durch die Gabe von Schmerzmitteln erhöht werden.

Lesen Sie jetzt alles über Demenz beim Hund in unserem Artikel "Alter Hund: Demenz erkennen und verstehen".

Dr. rer. nat. Petra Walter

Dr. rer. nat. Petra Walter ist Neurobiologin mit umfangreicher praktischer Erfahrung in der neurophysiologischen Grundlagenforschung. Ihre wissenschaftliche Tätigkeit führte sie unter anderem nach Neuseeland, Südafrika und in die USA. Heute ist Petra Walter Dozentin für Neuropsychologie und Neurophysiologie bei Wirbeltieren, realisiert Bildungsurlaube für Fachkräfte und zahlreiche Seminare. Für die ATN ist sie seit 2014 im Einsatz.

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