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Silvesterangst bei Hunden: Hilfe in letzter Minute

Silvesterangst bei Hunden: Hilfe in letzter Minute Silvesterangst bei Hunden: Hilfe in letzter Minute Silvesterangst bei Hunden: Hilfe in letzter Minute

Helfen mit Köpfchen

Bald ist es wieder soweit: Es knallt, zischt und pufft und die Menschheit feiert das neue Jahr. Und das tut sie mit jeder Menge Lärm, der vielen Tieren gewaltig aufs pelzige Gemüt schlägt. Wir haben ein paar Tipps zusammengetragen, die helfen können, die Situation für Sie und Ihren Hund ein wenig entspannter zu gestalten.

Ideal wäre es, rechtzeitig, d.h. 3-6 Monate vorher mit einem systematischen Training gegen Silvesterangst zu beginnen. Der Einsatz von speziellen Geräusche-CDs unterstützt das Trainingsprogramm sinnvoll. Da bei dieser Form von Angst mehrere Sinne „angesprochen“ werden, gestaltet sich ein Training zur Verhaltensänderung als nicht ganz so leicht. Empathie, Sensibilität und viel Erfahrung sind hier von Nöten. Bei der Therapie schwerwiegender Ängste sollte ein erfahrener Hundetrainer den Weg begleiten. Schnell kann es passieren, dass durch Unwissenheit Ängste verstärkt werden. Wichtig: Falls Ihr Hund ganz plötzlich panisch auf unerwartete Geräusche reagiert, ist ein Gesundheitscheck zu empfehlen, denn hier kann eine körperliche Ursache zu Grunde liegen. Schmerzen sind angstfördernd und verstärkend, ebenso wie hormonelle Probleme. Manchmal sind Hündinnen in der Läufigkeit oder Scheinträchtigkeit betroffen, aber auch Hunde mit Schilddrüsenerkrankungen.

Solange Silvesterangst besteht, kann es auch sinnvoll sein, sich mit dem Hund rechtzeitig in eine unbelebte Gegend zu begeben, z.B. in einen Urlaub an einsamer Meeresküste oder in den Bergen. Wer keinen Urlaubsplatz an einem einsamen Ort ergattern konnte, ist mit seinem ängstlichen Vierbeiner dem Knallgeschehen zum Jahreswechsel dennoch nicht vollkommen ausgeliefert, denn Sie können eine ganze Menge tun, um die Situation für Ihren Hund weitgehend zu entschärfen. Da jedes Tier und jede Hund-Mensch-Beziehung individuell ist, gibt es auch hier kein Patentrezept. Folgende Maßnahmen haben sich als besonders hilfreich erwiesen:

Stimmungsübertragung

Bleiben Sie stets selber ruhig und gelassen. Wenn Sie können, freuen Sie sich über das Feuerwerk. Achten Sie aber darauf, dass Sie nicht nur so tun als ob, sondern innerlich wirklich so empfinden. Ihr Hund durchschaut Sie nämlich. Panik, Angst und Ärger sind dabei genauso ansteckend wie Gelassenheit und Freude. Schaffen Sie sich also eine angenehme Atmosphäre und gehen Sie einer ruhigen Beschäftigung wie z.B. Lesen, Schreiben, Musik hören oder Fernsehen nach.

„Wir schaffen das gemeinsam“

Mitgefühl haben bedeutet nicht, mit einem Gefühl sprichwörtlich "baden zu gehen". Versetzen Sie sich also ruhig in ihren Hund und seine Befindlichkeiten hinein, um nachzuvollziehen wie er sich fühlt. Achten Sie jedoch darauf, wie Sie dieses Mitgefühl zum Ausdruck bringen, denn Sie können Ihren Hund dadurch weiter schwächen oder aber stärken. In welcher Weise Sie auf Ihren Hund eingehen sollten, hängt von dessen Bedürfnissen ab. Sie kommen also sehr wahrscheinlich nicht umhin, einfach manches auszuprobieren. Richtig und zulässig ist alles, was die Angst des Hundes kleiner werden lässt. Manche Hunde fühlen sich besser, wenn sie auf dem Schoß ihrer Besitzer sitzen oder sich an ihn anlehnen dürfen. Bei anderen hilft es, ruhig mit ihnen zu sprechen und sie zu streicheln. Wieder andere möchten am liebsten allein sein und sich verstecken. Beobachten Sie Ihren Hund also und tun Sie das, was ihm gut tut.

Wichtig, wenn Sie Ihren Hund streicheln: Vermeiden Sie unbedingt schnelle Bewegungen. "Rubbeln" Sie also nicht am Hund herum, sondern streiche(l)n Sie sehr bewusst und ruhig, langsam und mit "schwerer" Hand. Halten Sie inne und schauen Sie, ob Ihr Hund weitere Berührungen einfordert oder ob er den Eindruck macht, dass ihm eine auf ihm ruhende Hand oder das Ende einer Berührung angenehmer ist. Ist letzteres der Fall, sollten Sie vom streicheln absehen. Bleiben Sie dennoch bei Ihrem Hund und gewähren Sie ihm Körperkontakt, wenn er das möchte.

Rückzugsmöglichkeiten schaffen

Fühlt sich Ihr Hund besser, wenn er sich verstecken kann, ist eine der wichtigsten Maßnahmen, einen solchen Rückzugsort zu schaffen. Fühlt sich Ihr Hund in einer Box oder einem Zimmerkennel wohl (Eingewöhnung vorausgesetzt), stellen Sie ihm diese zur Verfügung. Hat sich Ihr Hund bereits eine eigene Zufluchtsstätte gewählt (oft im Bad, aber auch im Keller oder im Kleiderschrank), dann achten Sie bitte darauf, dass sein selbstgewählter Zufluchtsort erreichbar ist und lassen Sie Türen oder Einschlüpfe offen.

Reize aussperren

Schließen Sie alle Fenster und lassen Sie, wenn vorhanden, die Rollläden herunter. Schirmen Sie den Raum vor Außengeräuschen und dem plötzlichen Schein des Feuerwerks so gut es möglich ist ab. Schaffen Sie eine eigene Geräuschkulisse, indem Sie z. Bsp. den Fernseher ein klein wenig lauter drehen oder Musik laufen lassen. Das hilft oft ein wenig, um Außenreize zu „übertönen“. Selbstverständlich sollten die Innengeräusche auch nicht zu laut für die empfindlichen Hundeohren sein.

Tipp: „Cecilia“

Zum "Übertönen" von Außenreizen sind Stücke, in denen viele verschiedene Instrumente zum Einsatz kommen und in denen außerdem auch noch ordentlich getrommelt wird, besonders geeigent (vorausgesetzt, der Hund oder die Katze fürchtet sich nicht auch speziell vor Trommelgeräuschen). In dem alten Klassiker „Cecilia“ von Simon & Garfunkel beispielsweise wird so enthusiastisch getrommelt, gefiedelt und gerockt, dass viele Tiere auch parallele Knallgeräusche von draußen unter diese „Begleitmusik“ verbuchen – und ruhig bleiben, obwohl sie beim Feuerwerk sonst immer Angst hatten. „Cecilia“ in Endlosschleife hat sich für so manchen Vierbeiner an Silvester schon als echter Geheimtipp erwiesen. Wichtig: Ein paar Tage vorher ausprobieren, ob das eigene Tier nicht vielleicht doch sensibel auf den Song reagiert – dann darf er nicht gespielt werden. Nur wenn das Lied (oder jedes andere ausgewählte) keine Reaktionen bewirkt, das Tier sich dadurch nicht einmal aus dem Schlaf holen lässt, ist es geeignet. Das Lied kann dann in den Tagen vor Silvester immer mal wieder aufgelegt werden, gern auch mehrmals hintereinander und mal leiser, mal lauter. Dabei darauf achten, dass die Musik das Tier nicht beunruhigt, und dass während des Abspielens angenehme Dinge für das Tier passieren – essen, schlafen, kuscheln, spielen usw.

Vorsicht bei der Gabe von Medikamenten

Lassen Sie sich unbedingt vom Tierarzt Ihres Vertrauens beraten. Dennoch bleibt die Gabe von Psychopharmaka eine Gratwanderung, da die Wirkungsweise vieler Medikamente nicht gänzlich erforscht ist und etliche im Verdacht stehen, nur die Muskeln zu entspannen, den Kopf aber "klar" zu lassen. Bekannt ist das bereits von Medikamenten, die Acepromazin enthalten (z.B. Vetranquil oder Sedalin). Wurden einem Hund solche Mittel verabreicht, sieht er zwar aus, als wäre er ganz ruhig und entspannt, das kommt aber nur daher, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Seine Angst ist genauso groß wie zuvor und kann sogar noch weiter verstärkt werden, weil es dem Hund nicht möglich ist, irgendwo Schutz zu suchen oder sich Unterstützung (Social Support) zu holen. Der Hund ist sprichwörtlich gefangen in seinem Körper (welch grausame Vorstellung!).

Sicherung für unterwegs

Bitte lassen Sie Ihren Hund rund um den Jahreswechsel nicht von der Leine. Auch Hunde, die über einen guten Grundgehorsam verfügen, können sich erschrecken und in Panik weglaufen. Für unsichere Hunde gilt doppelte Sicherheit. Für sie empfehlen sich spezielle Sicherheitsgeschirre, aus denen die Hunde nicht herausschlüpfen können. Außerdem empfehlenswert ist oft eine doppelte Leinenführung über Geschirr und Halsband.

Für Entspannung sorgen

Es gibt eine ganz Reihe empfehlenswerter Entspannungshilfen. Manche bedürfen einer gewissen Vorbereitung bzw. Gewöhnung. So hilft einigen Hunden der Gebrauch von DAP-Spray (Dog Appeasing Pheromone). Pheromone sind Duftstoffe, die eine Mutterhündin absondert und die beruhigend auf Welpen wirken sollen. Manche Hunde mögen diesen Duft nicht, probieren Sie ihn daher unbedingt vorher aus, wenn Sie die Verwendung in Erwägung ziehen. Beobachten Sie Ihren Hund: Bleibt er in der Nähe des Dufts oder verlässt er sogar den Raum? Wenn er "flüchtet", ist DAP-Spray für Ihren Hund keine Option.

Von Tierärzten wird gern die Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln wie z.B. Relaxan empfohlen. Es besteht laut Hersteller aus Multivitaminen, Mineralien und Aminosäuren natürlichen Ursprungs und dient der Stressbewältigung und Beruhigung. Es wird empfohlen, es bereits 2 -3 Tage vor dem aufregenden Ereignis zu verabreichen.

Kräuter wie Johanniskraut, Lavendel und Eisenkraut haben ebenfalls eine entspannende Wirkung und können eventuell helfen. Der Wirkstoffgehalt der flüssigen Tinktur ist dabei höher und den Tabletten vorzuziehen. Testen Sie auch hier die Wirkung unter normalen Umständen aus.

Auch Homöopathie und Bach-Blüten können Hunden bei der Bewältigung der besonderen Stresssituation an Silvester helfen. Allerdings ist auch hier eine Gabe über einen längeren Zeitraum evtl. sinnvoll. Fertigmischungen aus dem Zoofachgeschäft möchte ich nicht empfehlen, da sie der eigentlichen Lehre Bachs und der Homöopathie nicht entsprechen. Optimal ist es, wenn die Zusammenstellung der Bach-Blüten oder homöopathischen Mittel durch einen versierten Tierheilpraktiker erfolgt (Tierheilpraktiker, die eine Ausbildung an der Akademie für Tiernaturheilkunde (ATM) absolviert haben und auch speziell geprüft worden sind, finden Sie zum Teil in der Therapeutenliste des VdTT und ganz besonders beim FNT, dem Berufsverband der ATM-Absolventen im Fachbereich Naturheilkunde). Wer seinen Hund mit Casozepin, L-Theanin oder Melatonin unterstützen möchte, sollte sich diesbezüglich ebenfalls vom Tierarzt, einem Verhaltenstherapeuten oder einem Tierheilpraktiker beraten lassen.

Konditionierte Entspannung

Gerade in Angstsituationen, wie z.B. zu Silvester, ist es hilfreich, wenn man mit dem Hund ein Signal zur Entspannung aufgebaut hat. Das Entspannungssignal ist vergleichbar mit der Einschlafmusik bei Kindern. Es kann ein Wort, ein Geräusch, eine Musik, ein Handzeichen, etc. sein. Zwar dauert es eine gewisse Zeit, bis ein konditioniertes Entspannungssignal gerade in Aufregungssituationen Wirkung zeigt, dennoch ist es nie zu spät, mit dem Training anzufangen. Das geht eigentlich ganz leicht und quasi nebenbei: Läuten Sie einfach jede Schmuseeinheit, jede Ruhestunde und ähnliches mit einem bestimmten Signal ein, das dem Hund sagt "jetzt ist Entspannung angesagt". Wie Sie detailliert vorgehen, um konditionierte Entspannung aufzubauen, erläutern wir Ihnen in einem eigenen Artikel im kommenden Jahr.

Thundershirt

Ein noch nicht weitverbreitetes Hilfsmittel ist das sogenannte Thundershirt. Das Thundershirt übt einen sanften, kontinuierlichen Druck auf die Brust und den Mittelkörper des Hundes aus. Das empfinden die allermeisten Hunde als sehr angenehm. Ähnlichkeiten zum Pucken von Säuglingen lassen sich hier nicht leugnen. Diese Art des „Einpackens“ bzw. des „Gehaltenwerdens“ ist also nicht nur bei Menschenkindern hilfreich. Das Thundershirt ist leider recht teuer. Manche Hunde fürchten sich auch vor dem Geräusch der Klettverschlüsse, an das einige zunächst extra gewöhnt werden müssen. Eine gute Alternative stellen dann Babybodys für sehr kleine Hunde oder enge T-Shirts für größere Hunde dar.

Calming Cap

Sind es weniger die Geräusche, sondern Lichter, die den Hund ängstigen, kann man über den Einsatz sogenannter Calming Caps nachdenken oder dem Hund einfach einen elastischen Schlauchschall über den Kopf ziehen (auch hier Gewöhnung und eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Mensch und Hund vorausgesetzt). Ein solcher "Sichtschutz" hilft, die beängstigenden optischen Reize zu mildern und zu verhindern, dass der Hund überhaupt „hochfährt“.

Mutt Muffs

Das sind Ohrenschützer für Hunde, die den herrschenden Geräuschpegel für den Hund senken. Auch Mutt Muffs können somit für Erleichterung sorgen, wenn es „knallt“. Ebenso wie beim Calming Cap ist es sinnvoll, das Tragen von Mutt Muffs mit dem Hund vorab zu üben, denn in der Silvesternacht haben die meisten Vierbeiner zumeist keinen Nerv für Experimente.

Vorsorgen für nächstes Jahr

Ein Gutes hat Silvester: Ist es vorbei, haben Sie und Ihr Hund ein ganzes Jahr Zeit, um sich auf den nächsten Jahreswechsel vorzubereiten. Vielleicht buchen Sie gleich im Januar einen Winterurlaub in der Einsamkeit - wenn nicht, haben Sie mit der Hilfe eines versierten Trainers gute Chancen, bis zum nächsten Silvester viel Geräuscheangst abzubauen. Unterstützung finden Sie hier.

In diesem Sinne: Ihnen und Ihren Lieben einen entspannten Jahreswechsel!

 

Nadine Liebert

Nadine Liebert studierte ursprünglich Soziologie, Pädagogik und Psychologie, ehe sie ihre Tierliebe zum Beruf machte und eine ATN-Ausbildung im Fach Hundepsychologie, Fachrichtung Verhaltenstherapie an der Akademie für Tiernaturheilkunde (ATN) absolvierte. Seit 2005 arbeitet Nadine hauptberuflich als Hundetrainerin & Verhaltensberaterin in Magdeburg und Umgebung.

Webseite: www.hundecouch.org

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