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Wölfe in Deutschland: Werden sie zum Problem?

Wölfe in Deutschland: Werden sie zum Problem? Jearu, DollarPhotoClub Wölfe in Deutschland: Werden sie zum Problem?

Wie gefährlich sind Wölfe?

Norddeutschland im Februar 2015: Ein Förster filmt ein Rudel Wölfe 50 Kilometer vor Hamburg, eine Spaziergängerin wird von Wölfen samt ihrer Golden Retriever „aus dem Wald geleitet“, ein Wolf dringt in eine Schafherde ein, ohne vom Schäfer und seinem Helfer Notiz zu nehmen. Und an einem Waldkindergarten hat Isegrim obendrein vorbei geschaut. Die Diskussionen, die in Deutschland seitdem rund um das Thema Wolf geführt werden, könnten kaum hitziger sein.

Und kaum bizarrer. Gibt es da wirklich Wölfe, die ihre „natürliche Scheu vor Menschen“ verloren haben, womöglich „angefüttert“ wurden und wer weiß was als nächstes im Schilde führen? Was sagt ein Wolfsforscher dazu, der seit Jahrzehnten kontinuierliche Verhaltensbeobachtungen an frei lebenden Wölfen realisiert und für den Wolfsbegegnungen die alltäglichste Sache der Welt sind?

Wir haben nachgefragt: bei GÜNTHER BLOCH.

Foto: Kosmos Verlag

Herr Bloch, die Medien in Deutschland sind derzeit voller Meldungen über jüngste Wolfsbegegnungen, wobei sich viele Menschen über die fehlende Scheu der Tiere wundern. Sie selbst erforschen Wölfe im Freiland seit 1991 – verhalten sich die Wölfe in Deutschland aus Ihrer Sicht außergewöhnlich oder ganz normal für Wölfe?

Einfache Antwort: Ganz klar letzteres. Weder ist es außergewöhnlich, dass diese Begegnungen stattgefunden haben, noch haben sich die Wölfe außergewöhnlich oder gar „aggressiv“ verhalten. Vor allem Jungwölfe sind neugierige Tiere. Außerdem wandern Wolfsindividuen im Alter von 1 bis 2 Jahren ab und verlassen ihre Familie. Auf dem Weg in die große weite Welt marschieren sie dann durchaus auch mal an einem Dorf oder einer Kleinstadt vorbei oder in Einzelfällen sogar mitten hindurch. Das ist normal, weil Dörfer oder Stadtrandlagen Bestandteil ihres Lebensraumes sind. Sie sind Teil ihrer Umwelt, genauso wie Straßen und Eisenbahnlinien, Wälder und Felder, Wiesen und Industriegebiete, der Autoverkehr. In Deutschland und Europa ist der Lebensraum des Wolfes eine einzige große Kulturlandschaft. Urwälder gibt es längst nicht mehr. Was da an Bäumen vor der Haustür wächst, ist Wirtschaftswald.

Brauchen Wölfe aber nicht eigentlich Wildnis?

In Deutschland und Europa sind Wölfe seit langer Zeit Kulturfolger. Sie haben sich an die Kulturlandschaft angepasst, was auch bedeutet, dass sie menschliche Infrastruktur nutzen und beispielsweise Waldwege, Straßen oder Bahnlinien entlang gehen anstatt sich querfeldein durchs Unterholz zu schlagen. Junge Wölfe übernehmen das Verhalten ihrer Eltern. Und natürlich sind Wölfe in urbanen Räumen auch sehr gut an den Alltagsrhythmus von Menschen gewöhnt. Ich erinnere da nur an das Beispiel der Wölfin Timish, die von dem Biologen Christoph Promberger dabei gefilmt wurde, wie sie durch den morgendlichen Berufsverkehr der rumänischen Stadt Brassov lief – völlig unbeeindruckt von den Menschen und von diesen wahrscheinlich gar nicht als Wölfin erkannt, weil sie ein Sendehalsband trug. Aus der Anpassung von Wölfen an urbane Räume und ihre teilweise Gewöhnung an Menschen resultiert mitnichten zwangsläufig gleich irgendeine Art von „Gefährlichkeit“.

In Deutschland mehren sich die Stimmen, die behaupten, dass Übergriffe von Wölfen auf Menschen nur noch eine Frage der Zeit seien, weil Wölfe hierzulande nicht gejagt werden dürften. Wie sehen Sie das?

Ich halte das mit Verlaub für Unsinn. Tatsache ist, dass die Bejagung des Wolfes natürlich einen starken Einfluss auf die Verhaltensgewohnheiten von Wölfen hat. Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass Wölfe ihre Aktivitätsphasen ausnahmslos in die Dämmerung und in die Nacht verlegen, wenn sie massiv bejagt werden – sie tun das aber nur, weil sie bejagt werden. Besteht kein Jagddruck, sind sie oftmals tagaktiv, insbesondere während der Phase der Jungenaufzucht. Zudem gibt es eine ganze Reihe von Gegenden auf der Welt, in denen Wölfe streng geschützt sind und in denen nichts passiert. Hunderttausende Menschen fahren jedes Jahr in die Nationalparks von USA und Kanada – eben weil sich Wölfe so neugierig und unbedarft verhalten und nicht selten aus nächster Nähe beobachtet werden können. Wenn es stimmen würde, dass nicht bejagte Wölfe anfangen, Menschen anzufallen, dann frage ich mich, warum in Nationalparks wie Yellowstone, Banff, Jasper oder Denali noch kein einziger Mensch angefallen wurde. Kinder übrigens auch nicht. Und warum in Ostdeutschland seit 20 Jahren schon Wölfe heimisch sind, ohne dass etwas passiert ist. Und warum in den Teilen Europas, in denen Wölfe niemals ausgerottet waren, auch nichts passiert.

Foto: Martina Berg, DollarPhotoClub

Die Menschen in Deutschland kennen nur absolute Freizügigkeit in Wald und Flur, wenn man von gewissen gesetzlichen Regelungen einmal absieht - ob joggen oder wanderreiten, picknicken, Pilze sammeln oder Hunde spazieren führen - wer heute in Deutschland lebt, musste draußen "in der Natur" noch nie aufpassen. Verlangt die Anwesenheit des Wolfes diesbezüglich von uns eine Anpassung oder eine besondere Bewusstheit?

Nunja – eine gewisse Bewusstheit wünscht man sich bisweilen schon, wenn man bedenkt, wie viele Hunde doch immer noch hetzen dürfen, selbst in der Setzzeit, oder wie viele Jogger und Mountainbiker mit zugestöpselten Ohren im Takt der Musik aus dem MP3-Player durch die Wälder marodieren und gar nicht merken, dass und wie sehr sie Wildtiere stören können. Bis ihnen eine Bache dann mal zeigt, wie sie ihre Frischlinge verteidigt. Dann ist das Geschrei groß. In Bezug auf unkontrolliert freilaufende Hunde in Wolfsgebieten muss man ganz ehrlich sagen, dass die tatsächlich weg sein können, wenn der Wolf sie in seinem Kernrevier erwischt. Besonders dort, wo eine Wolfsfamilie gerade Welpen umsorgt. Hunde werden zumeist als Konkurrenten gesehen und getötet. Das machen Wölfe übrigens auch häufig mit zu dreisten Kojoten. Wölfe fackeln da nicht lange. Was ich begrüßen würde: Dass man rund um Wolfshöhlen Ruhezonen einrichtet, geschlossene Gebiete, die weder von Jägern noch von der Öffentlichkeit betreten werden dürfen. Ich wünsche mir eine solche Rücksichtnahme aber nicht, weil Wölfe in der Nähe ihrer Höhlen dem Menschen gefährlich werden, sondern damit sie ihre Ruhe haben. Die brauchen sie nämlich. Mir selbst ist es in den Anfangsjahren meiner Wolfsstudien mehrmals passiert, dass ich unabsichtlich in die Nähe von Höhlen geraten bin und das zu spät gemerkt habe. Die Wölfe sind immer weggerannt – sie haben gebellt, Alarm geschlagen und anschließend sogar ihre Jungen schutzlos zurückgelassen.

Um Hunde muss man sich dann aber schon Sorgen machen, oder?

Nur, wenn man versäumt hat, dem Hund beizubringen, dass er im Wald in einem engen Radius zu seinem Menschen bleiben soll, und dass er selbstverständlich nicht streunen darf. Es gibt Hundehalter, die glauben, der Wald sei dafür da, dass sich der Hund darin „auslebt“, also nach eigenem Gusto darin herumrennt und sogar Beute macht. Solche Hunde können sehr leicht zur Beute von Wölfen werden. Verantwortlich dafür ist aber allein der Hundebesitzer und nicht der Wolf. Einen Hund, der partout nicht gehorcht, kann man im Wald auch an einer langen Leine führen.

Und was macht man am besten, wenn man einen gehorsamen Hund hat und Wölfen begegnet?

Den Hund ruhig, gelassen und ohne großes Geschrei hinter sich bringen und aktiv werden: Also auf keinen Fall weglaufen und sich auch nicht zurückziehen, sondern den Wölfen entschlossen entgegen gehen, laut und vernehmlich in die Hände klatschen oder so etwas rufen wie „Hau ab da!“. Früher hat man in unseren Nationalparks empfohlen, sich bei Begegnungen mit Beutegreifern defensiv zu verhalten, sich etwa tot zu stellen, wenn ein Bär sich näherte. Heute rät man aus Erfahrung das Gegenteil: „Geh hin und hau ihm auf die Nase!“. So verhindert man, dass Bären in den „Jagd-Modus“ übergehen. Wölfen auf die Nase zu hauen ist natürlich unnötig. Wer ein Wildtier aber beeindrucken will, muss das auf die Art der jeweiligen Spezies tun. Das müssen wir auch berücksichtigen, wenn wir neugierigen Wölfen etwas wirklich unmissverständlich klar machen wollen. Ich selbst hatte schon mehrere Dutzend direkte Begegnungen mit Wölfen. Auch auf kurze Distanz von ein paar Metern. Oft waren auch meine Hunde dabei – und übrigens keineswegs nur in menschenleeren Gegenden, wo die Wölfe noch nie zuvor einen Menschen gesehen hatten. Gerade im Banff Nationalpark, wo ich am häufigsten Wölfe beobachte, sind Wölfe an menschliche Infrastruktur und die Anwesenheit von Menschen sehr gut angepasst. Und was passiert de facto? Klare Antwort: Nichts!

Haben Sie die Wölfe verjagt, die sich Ihnen bis auf wenige Meter genähert haben?

Nein. Ich habe sofort die Hunde hinter mich gebracht, bin breitbeinig stehengeblieben und habe die Wölfe angestarrt. Dann haben auch sie uns noch ein bisschen betrachtet, und dann sind sie weitergetrabt, in ihrem unwiderstehlichen Schwebegang.

Foto: Jens Klingbiel, DollarPhotoClub

Klingt ganz entspannt.

Für einen Wolf ist eine Begegnung mit Menschen keine große Sache. Wir bevölkern ihren Lebensraum so wie sie den unseren. Wer keine Erfahrung mit Wölfen hat, macht sich mit all den bekannten Schauermärchen über Wölfe im Hinterkopf natürlich Sorgen und wünscht sich nichts dringender als die absolute Sicherheit, dass wirklich gar nichts passieren kann. Dafür habe ich auch Verständnis. Nicht jeder Mensch ist ein „Wolfsfreak“ so wie ich. Wichtig zu wissen ist nur: 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Nirgendwo. Restrisiken in Kauf zu nehmen ist für Menschen also doch Alltag, oder? Da sollten wir ehrlich sein.

Sie spielen auf einzelne Fälle von Wolfsangriffen an?

Ja. Da wird ja beispielsweise gern nach Indien gezeigt, wo es in der Tat einige Übergriffe von Wölfen auf Kinder gab. Was verschwiegen wird: Das waren 2 oder 3 Fälle in einem Zeitraum von mehreren Dekaden, wobei es in der gleichen Zeitspanne aber 10 Mal soviele Tigerangriffe gab. An denen stören wir uns nicht, weil wir den Tiger haben wollen. Wir stören uns auch überhaupt nicht daran, dass zahllose Kinder in Afrika stundenlang mutterseelenallein durch die Savanne zur Schule laufen. Googeln Sie mal, wie viele Menschen jährlich durch Elefanten den Tod finden, durch Haie, Hunde, Pferde, den Autoverkehr oder Blitzschlag. Und dann setzen Sie das zu den Wolfsangriffen ins Verhältnis. Aus meiner Sicht sollte sich ein Land wie Deutschland den Wolf einfach leisten.

Foto: XK, DollarPhotoClub

Ob die Geschichte schuld daran ist, dass wir uns am Wolf so sehr stören?

Bestimmt. Europa war Schauplatz von so vielen Kriegen, von so vielen Schlachtfeldern. Kadaver locken Aasfresser an, bis zu 42 verschiedene Arten, wie wir festgestellt haben. Über Jahrhunderte hinweg haben auch Wölfe im Schlepptau der Armeen reichhaltigst gespeist. Primär an toten und verletzten Kriegsrössern. In Ausnahmefällen vielleicht sogar an toten Soldaten. Tote sind schlicht und ergreifend Biomasse, und Wölfe sind Opportunisten, die sich schnell anpassen, auch an ein solch makaber anmutendes Nahrungsangebot. Sie wären doch dumm, wenn sie es nicht täten. Hinzu kommen die Erfahrungen, die die Europäer mit der Tollwut gemacht haben und die auch Wölfe tatsächlich gefährlich werden lässt, ehe sie zugrunde gehen. Geschichte und Geschichten können große Macht entfalten, ein aufgeklärtes Deutschland kann sich aber auch dafür entscheiden, nach vorn zu schauen. Wölfe stellen kein großes Risiko für Menschen dar. Sie sind hoch soziale Gruppentiere, die dem Menschen grundsätzlich so gut es geht aus dem Weg gehen und ansonsten sehr gut mit unserer dominanten Präsenz auskommen. Dazu sollten wir nicht fähig sein?

Zumeist wird von "dem Wolf" oder "Wölfen" gesprochen, wobei wenig berücksichtigt wird, dass auch Wölfe Individuen sind. Wie beeinflusst die Persönlichkeit eines Wolfes dessen Verhalten - oder auch die Dynamik der Gruppe, mit der er unterwegs ist?

Viele Ethologen und Freilandbiologen unterteilen den Grundcharakter von Tieren mittlerweile in zwei Persönlichkeitstypen: den A-Typ und den B-Typ. Der A-Typ wird als „keck, extrovertiert und wagemutig“ beschrieben. Der B-Typ ist eher „schüchtern, introvertiert und zurückhaltend“. Der Grundcharakter wird allerdings auch von mannigfaltigen Erfahrungen beeinflusst, die ein Individuum gemacht hat, einschließlich der Strategien, die seine Eltern ihm vorgelebt haben. Dieses Konzept erklärt, warum manche Wölfe gegenüber Straßenverkehr, Menschen und ähnlichem völlig gelassen bleiben und andere eher verunsichert reagieren, mit vielen Abstufungen dazwischen. Tatsächlich ist jeder Wolf anders, betrachtet die Dinge neben den besagten Persönlichkeitsmerkmalen auch aus seiner ganz eigenen Perspektive und trifft Entscheidungen ganz individuell. In der einen Situation mag dieser Wolf so entscheiden, ein anderer Wolf so, ein dritter wieder anders. Wölfe zeigen artspezifische Tendenzen. Aber man kann nicht hingehen und alle über einen Kamm scheren.

Foto: Jearu, DollarPhotoClub

Es gibt ein Video von einem Wolf, der kürzlich in eine Schafherde eindrang, 4 Tiere verletzte und sich vom Schäfer und einem Helfer nur mit Mühe vertreiben ließ. Man vermutet, dass er angefüttert worden ist, weil ihn die Menschen gar nicht beeindruckten. Wie sehen Sie das?

Ich habe mir das Video angeschaut. Der Wolf zeigt völlig fokussiertes „automatisiertes“ Beutefangverhalten, respektive Sequenzen des Fixierens und Anpirschens und schaut nicht aufs Drumherum. Ähnliche Beobachtungen habe ich hier in Banff auch etliche Male gemacht – vor allem bei super-schlauen „Schnöselwölfen“ und A-Typ-Charakteren. „Schnöselwölfe“ nenne ich die Jungtiere, die vor oder im Abwanderungsprozess stehen. Ich bin übrigens ein großer bekennender Schnösel-Fan. Mittlerweile erkenne ich sie an ihrem Blick – diesem super-schlauen Blick, der zugleich verrät, dass sie so gar keinen Plan haben. Kurzum: Ich denke nicht, dass dieser Wolf im Video angefüttert wurde. Das ist einfach ein junger, kecker, alleinstehender Kerl, der im Angesicht üppiger Beute alles um sich herum vergessen hat. Dabei fällt mir eine Begebenheit ein, die ich auch in einem meiner Bücher beschrieben habe. Das war in Banff auf einem Picknick-Platz. An einem der Tische saßen Leute und aßen, als plötzlich ein Reh am Tisch vorbei rannte. Hinter sich ein ganzes Rudel Wölfe. Die Leute sprangen sofort unter den Tisch, wahrscheinlich glaubten sie, dass sich das Rudel gleich kollektiv auf sie stürzen würde. Aber die Wölfe waren vollkommen auf das Reh fixiert und nahmen gar nicht wahr, was um sie herum geschah. Genau deshalb werden übrigens auch viele Wölfe überfahren – sie laufen hinter einer Beute her und achten auf nichts. Und dann ist es passiert.

Sind Schnöselwölfe auch die, die sich am ehesten an Nutztieren vergreifen?

Durchaus, vor allem wenn sie in der Jagd noch vergleichsweise unerfahren sind. Wölfe merken aber auch grundsätzlich schnell, dass und wenn ihnen Beute praktisch auf dem Silbertablett „serviert“ wird. Deswegen raten wir ja dringend zu wolfssicheren Elektrozäunen, zu Herdenschutzhunden und Nachtgattern, um nur einige Beispiele für Herdenschutzmaßnahmen zu nennen. Die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten werden noch lange nicht ausgeschöpft, dabei hat man festgestellt, dass man sogar Esel, Lamas und Strauße sehr erfolgreich für den Herdenschutz einsetzen kann. Den Wolf gibt es nun mal nicht für lau.

Was ist mit der Furcht einiger Jäger, die Wölfe könnten die Wälder leerfressen bzw. das Wild vertreiben?

In extremen Fällen kann diese Furcht begründet sein. Allerdings nur bei Spezies, die irgendwann nach Deutschland eingeführt wurden, „um die Fauna zu bereichern“. Solcherart Spezies wie z.B. Mufflons in Ostdeutschland waren anders als der Wolf hier nie heimisch. Es ist ziemlich sicher, dass frei lebende Muffelwildbestände vom Wolf stark dezimiert werden können. Spezies hingegen, die sozusagen „entwicklungsgeschichtliche Gefährten“ des Wolfes waren und sind – wie insbesondere Reh-, Rot- und Schwarzwild – werden sich sehr wohl wieder an den Beutegreifer anpassen. Wurden die ostdeutschen Wälder innerhalb der letzten 20 Jahre seit der Rückkehr der Wölfe leergefegt? Nein. Warum sollte das jetzt in Westdeutschland passieren?

Foto: Petra Kohlstädt, DollarPhotoClub

Wie würde sich ein Wolf verhalten, der wirklich angefüttert worden wäre?

Mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Menschen fokussiert und richtig „dreist“, u.a. in körperbetontem Imponierschreiten. Schauen Sie, was Ziegen oder auch Damwild im Streichelzoo bisweilen machen, wenn Sie nicht sofort das Futter aus dem Futterautomaten herausrücken. Oder was manche Möwen tun, wenn Spaziergänger am Strand ein Brötchen mal nicht teilen wollen. Selbst einige Enten gehen hin und reißen Parkbesuchern am Hosenbein, wenn sie gewohnt sind, dass Brotkrumen fliegen. Und jetzt malen Sie sich aus, was passiert, wenn ein Wolf das macht. Stellen Sie sich vor, dass Sie rein zufällig keinen zurückhaltenden B-Typ-Charakter mit hoher Frustrationstoleranz angefüttert haben, sondern einen echten Draufgänger, einen A-Kontrolletti-Typ wie im Lehrbuch, der typischerweise stinkesauer wird, wenn etwas nicht nach seiner Nase geht. Es ist äußerst ratsam, das Verhalten von Wildtieren – insbesondere Beutegreifern – nicht dadurch zu beeinflussen, dass man ihnen vermeintlich „etwas Gutes“ tut. Ein Wolf, der hinter Ihrem Haus, an einer bestimmten Stelle im Wald, auf Ihrem Kompost, einer Müllhalde oder am Straßenrand regelmäßig Nahrung findet oder dem Sie gar die Chicken Nuggets zuwerfen, ist im Zweifel ein toter Wolf. Man kann zwar nicht pauschal sagen, dass jeder Wolf zum Problem wird, der in der Nähe von Menschen Fressbares findet. Die Möglichkeit besteht aber im Einzelfall, und dass sich bisweilen ganz unglückliche Umstände verketten können, ist sicher jedem bewusst. Das Beste, was Menschen für Wölfe tun können ist, sie einfach in Ruhe zu lassen. Lasst Wölfe Wölfe sein und gut ist. Sie brauchen im Gegensatz zum Hund keine Menschen.

Zum Schluss: Was sollten die Menschen in Deutschland über Wölfe mindestens wissen?

Erstens: Der Wolf ist ein ganz normales Tier, das der Landschaft in Deutschland sehr gut zu Gesicht steht und von großem ökologischen Nutzen ist. Zweitens: Es gibt eine ganze Reihe von Tieren, einschließlich unserer Hunde, die hundertmal „gefährlicher“ sind als Wölfe, wenn man in diverse Statistiken schaut. Drittens: Trauen Sie sich, alles zu machen, was Sie schon immer in Feld und Wald getan haben – vom Pilze suchen bis zum Joggen. Sie haben nichts zu befürchten. So mancher Waldbewohner wird Ihnen höchstens für etwas Rücksichtnahme dankbar sein. Und deshalb ist Viertens: Achten Sie als Hundehalter darauf, dass Ihr Vierbeiner in Ihrer Nähe bleibt, wenn Sie draußen unterwegs sind. Lassen Sie Ihren Hund nicht planlos im Wald herumlaufen. Es gibt eine Menge Möglichkeiten, Hunde glücklich zu machen, ohne dass dabei andere zu Schaden kommen. Und denken Sie immer daran: Der normale Wolf hat besseres zu tun, als Menschen anzufallen. Dazu ist er viel zu beschäftigt. Wir sollten stolz darauf sein, dass der Wolf in Deutschland wieder heimisch ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Buchtipp zum Weiterlesen:

Judith Böhnke

Judith Böhnke, ist ATN-Absolventin mit Spezialisierung auf Hund und Katze sowie VDTT-Vorstandsmitglied und Mitarbeiterin der ATN. Besonders wichtig ist ihr ein achtsamer, gewaltfreier Umgang sowohl mit den Tieren als auch den Tierhaltern. In ihrer Arbeit folgt Judith Böhnke dem Prinzip der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, welches sie auch auf die Mensch-Tier-Beziehung anwendet. Im Kosmos-Verlag ist 2013 ihr Buch "Mit Hunden gewaltfrei kommunizieren" erschienen, 2014 folgte ebenfalls bei Kosmos "Cocker Spaniel - Auswahl, Haltung, Erziehung, Beschäftigung".

Webseite: www.mensch-tier-akademie.de

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