Lernziele

Lernziel der Ausbildung Hundeverhaltenstherapie

Lernziel der Ausbildung Hundeverhaltenstherapie Magnus Pomm, DollarPhotoClub

Die Hundeverhaltenstherapie als Brücke zur Tiermedizin

Die Hundeverhaltenstherapie setzt sich thematisch aus Verhaltensanalyse, Verhaltenstraining und –beratung sowie der Verhaltensmedizin zusammen. Sie schließt damit die Lücke zwischen den bekannten Berufen des Hundetrainers und Hundeverhaltensberaters und dem des Tierarztes.

Hundeverhaltenstherapie besteht nicht darin, Erkrankungen als solche zu behandeln. Leidet ein Hund beispielsweise an einem „Leck-Zwang“ (Leck-Stereotypie), kann sich die Haut an der beleckten Stelle entzünden. Ein sogenanntes Pyogranulom entsteht. Dieses sollte je nach Ausmaß vom Tierarzt behandelt werden. Aufgabe der Hundeverhaltenstherapeutin wäre in diesem Fall, die Ursache des Leck-Zwanges zu ergründen und abzustellen. Dazu nimmt die Therapeutin zum einen eine genaue Analyse

  • des Verhaltens des Hundes,
  • evtl. genetisch bedingter Besonderheiten,
  • seiner bisherigen Lebensgeschichte und
  • seiner derzeitigen Lebenssituation

vor. Zum anderen entwickelt sie eine zum Hund und seinen Haltern passende Behandlungsstrategie, die individuell verschiedene Maßnahmen beinhaltet. Darunter beispielsweise

  • die Veränderung von Haltungs- und Umgangsbedingungen,
  • die Realisierung eines gezielten Verhaltenstrainings,
  • die Optimierung der Ernährung,
  • der Einsatz psychogen wirksamer Naturheilverfahren.

Auch wenn die tierärztliche Diagnostik einen ganz anderen Ansatz verfolgt als die Verhaltenstherapie, ergänzen sich beide Bereiche ideal. Das eröffnet der Hundeverhaltenstherapeutin weit reichende Kooperationsmöglichkeiten, sowohl mit Veterinärmedizinern, als auch mit Tierheilpraktikern, Tierphysiotherapeuten, Hundetrainern und Verhaltensberatern.

Da es sich um ein relativ neues Fach handelt, und wir erst am Beginn dieses spannenden interdisziplinären Faches stehen, gibt es hier ein gewaltiges Entwicklungspotenzial. Wer sich jetzt auf das Thema einlässt, ist von Anfang an dabei und anderen bald weit voraus.

Hundeverhaltenstherapie: Beispiele aus der Praxis

Die Probleme, mit denen Hundebesitzer in der Praxis einer Hundeverhaltenstherapeutin vorstellig werden können, sind so verschieden und vielschichtig wie die Hunde und ihre Halter selbst. Die folgenden Beispiele sollen Ihnen einen kleinen Einblick in die Thematik ermöglichen.

Juckreiz und Schmerzen

Schmerz kann das Wesen eines Tieres völlig verändern. Gleiches gilt für Juckreiz. Es gibt sehr viele Erkrankungen (im Bild eine Ohrenentzündung), die diesbezüglich für die betroffenen Tiere qualvoll sind, von den Besitzern aber nicht erkannt werden. Die Hunde stehen in solchen Fällen oft in dem Ruf, ungehorsam oder aufmüpfig, bissig, langweilig, faul oder gar dominant zu sein. Sie werden Hundetrainern oder Verhaltensberatern vorgestellt, damit diese die „Charaktermängel“ des Hundes beheben. Hier ist Aufgabe der Verhaltenstherapeutin, die vermeintlichen Verhaltensprobleme als Symptome für mögliche zugrunde liegenden Erkrankungen zu erkennen und die Besitzer entsprechend zu sensibilisieren, damit der Hund in adäquate tierärztliche Behandlung gelangt. Begleitende verhaltenstherapeutische Maßnahmen sind fast immer erforderlich.

Blindheit, Taubheit und Demenz

Bis vor wenigen Jahren wurden Hunde mit Handicap einfach entsorgt, bzw. es wurde ihnen unterstellt, keine Lebensqualität mehr zu haben und deshalb nur noch eingeschläfert werden zu können. Diese Ansichten haben sich zum Glück grundlegend gewandelt, Hunden mit Handicap begegnet man mittlerweile recht häufig und immer häufiger. Handicaps haben aber eben auch Auswirkungen auf das Verhalten der betroffenen Tiere, insbesondere bei Blindheit und Taubheit oder auch Demenz. Der kleine Patient auf dem Bild litt neben allen erwähnten Beeinträchtigungen zusätzlich am sogenannten Cushing-Syndrom. Kluge verhaltenstherapeutische Maßnahmen ermöglichten ihm bis zuletzt ein erfülltes Hundeleben.

Wenn es Assistenzhunde für Menschen gibt, warum sollen Hundebesitzer dann keine Assistenzmenschen für ihre Vierbeinder werden können, die ihren tierlichen Partnern unter der Anleitung eines versierten Verhaltenstherapeuten zur Seite stehen?

Konditionierungseffekte

Der Fall dieser kleinen Hündin zeigt, wie leicht Verhaltenssymptome infolge fehlender Kenntnisse über Krankheitssymptomatiken fehlinterpretiert werden können: Jedes Mal, wenn Herrchen von der Arbeit kam, reagierte die Hündin plötzlich mit massivem Würgen, Husten, großer Unruhe und Panik. Wer hier auf „Angst vor dem Besitzer“ tippen würde, läge falsch. Tatsächlich litt die Hündin an einem sogenannten Trachealkollaps. Dabei kollabiert infolge heftigen Einatmens die Luftröhre, was zu Erstickungsanfällen führt. Diese kleine Hündin lernte sprichwörtlich, den Kollaps zu fürchten: Konditionierungseffekte sorgten schon bei den geringsten Anzeichen für die Rückkehr ihres Herrchens für Angst und Panik, wodurch die Symptomatik erst recht verschlechtert wurde. Auch half der Hündin neben einem chirurgischen Eingriff ein gezieltes Verhaltenstraining.

Leck-Zwang

Ein wichtiges Thema in der Verhaltensmedizin ist der sogenannte Leck-Zwang ohne ersichtlichen Grund. Warum tut sich ein Tier das an? Medikamente helfen hier nur wenig, Verbote und Strafen machen alles nur schlimmer oder führen zu weiteren Problemen. Während sich der Tierarzt der Behandlung der durch das Lecken geschädigten Haut widmet, kann die Hundeverhaltenstherapeutin durch geschickte Maßnahmen erreichen, dass sich das betroffene Tier das Verhalten abgewöhnt und Schäden an der Haut künftig gar nicht mehr entstehen. Zumindest nicht dadurch, dass sich der Hund grundlos selbst beleckt.

Atopische Dermatitis

Diese Menge Schuppen hinterließ ein West Highland White Terrier während einer Behandlung auf dem tierärztlichen Untersuchungstisch. Der Hund litt an Atopischer Dermatitis. Diese verläuft bei manchen Hunden als allergische Hauterkrankung mit Juckreiz, starker Schuppenbildung und ausgeprägter Geruchsbildung. Außerdem verlieren betroffene Hunde häufig ihr Fell und zeigen damit ein Erscheinungsbild, das weit entfernt ist von jeder „Niedlichkeit“. Ohne es selbst zu merken oder zu wollen, wenden sich betroffene Hundebesitzer häufig von ihren Tieren ab – lassen sie beispielsweise nicht mehr im Bett schlafen oder mit den Kindern spielen, kuscheln weniger mit ihnen oder schenken ihnen ganz allgemein weniger Aufmerksamkeit. Nicht wenige Hunde werden sogar bestraft, wenn sie sich kratzen, weil das Kratzen ja alles nur noch schlimmer macht. Das alles bedeutet für den einzelnen Hund massiven sozialen Stress, der gewaltige Auswirkungen auf das Immunsystem des Hundes hat. Die Symptomatik und der Verlauf der Erkrankung verschlechtern sich damit zusehends und geradezu zwangsläufig und oft unabhängig von jeder tierärztlichen Behandlung.

Feminisierung eines Rüden

Als dieser Dackelrüde binnen weniger Monate sein bisheriges Verhalten komplett änderte, gab das seinem Besitzer zunächst Grund zur Freude: Der Hund wich anderen Rüden aus, anstatt sie zu vermöbeln und er markierte auch nicht mehr überall. Beim Verhaltenstherapeuten schrillten allerdings sämtliche Alarmglocken, denn ausgelöst wird eine solche Feminisierung des Rüden durch den sogenannten Sertoli-Zell-Tumor der Hoden. Dieser Tumor ist gutartig, eine Kastration dennoch ratsam.

Durchfall

Das Phänomen ist vielen Hundebesitzern bekannt: Macht der Hund zu Beginn des Spaziergangs noch einen völlig normalen „Haufen“, setzt er im weiteren Verlauf immer breiigeren Kot ab und presst zuletzt nur noch leer mit Austritt von etwas Schleim und Blut. Dieser sogenannte Nervöse Colon ist ein Beweis dafür, wie das autonome vegetative Nervensystem durch Sinneseindrücke und Erwartungsspannungen, aber auch durch Freude, die physiologischen Prozesse im Körper eines Hundes beeinflussen kann. In der Hundeverhaltenstherapie ist dies ein Beispiel für die Somatisierung psychischer Symptome, der der Verhaltenstherapeut mithilfe verschiedener Maßnahmen entgegenwirken kann.

Präputialkatarrh

Leidet ein Hund an einem Präputialkatarrh, ist das vor allem für Familien mit Kleinstkindern im Krabbelalter belastend. Denn die Entzündung der Vorhaut des betroffenen Rüden produziert Eiter, der mehr oder weniger stark den Fußboden verschmutzt. Naturheilkundlich betrachtet ist der Katarrh für den Hund selbst ein "gesundes“ Zeichen: Er bedeutet, dass eine Auseinandersetzung der Schleimhaut mit dem Erreger stattfindet. „Fließende Sekrete“ zeigen meist, dass der Organismus des Tierpatienten Selbstheilungskräfte mobilisieren kann.

Die medizinischen Ursachen für einen Präputialkatarrh sind noch nicht geklärt, tatsächlich tritt er bei sehr vielen Hunden auf und medizinisch nicht wirklich zum Verschwinden zu bringen. Interessant im Rahmen der Verhaltenstherapie ist, dass die Besserung eines chronischen Präputialkatarrh s Hinweis auf eine verstärkte Stressbelastung des betroffenen Hundes geben kann. Das ist ein beeindruckendes Beispiel für die Interaktionen zwischen Psyche und Immunsystem, die versierte Verhaltenstherapeuten in Sachen Stressmanagement als Informationsquelle nutzen können und die deshalb auch in unserer Hundeverhaltenstherapie-Ausbildung thematisiert werden.

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