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Kampfhundegesetz – Sicherheit oder Verunsicherung?

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Kampfhundegesetz – Sicherheit oder Verunsicherung?

Warum rassepezifische Gesetze die Öffentlichkeit nicht vor gefährlichen Hunden schützen

Die von Experten für Tierverhalten durchgeführte Forschung stellt die Grundlagen von rassespezifischen Gesetzen in Frage, die entwickelt wurden, um die Öffentlichkeit vor “gefährlichen” Hunden zu schützen. Ein Team von der University of Lincoln, Großbritannien, kam zu dem Ergebnis, dass die aktuelle Gesetzgebung Menschen eher in einem Gefühl falscher Sicherheit wiegt, statt tatsächliche Sicherheit zu erzeugen.

Dr. Tracey Clarke und die Professoren Daniel Mills und Jonathan Cooper von der Lincoln School of Life Sciences wollten herausfinden, worauf die menschliche Wahrnehmung von “typischen Verhaltensweisen” verschiedener Hunderassen beruht. Ihre Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Human Animal Interaktion Bulletin von der American Psychological Association in einem frei verfügbaren Artikel veröffentlicht: “Acculturation – Perceptions of breed differences in behavior of the dog (Canis familiaris)” (“Akkulturation – die Wahrnehmung von Rasseunterschieden im Verhalten des Hunden (Canis familiaris)”).

“Diese Arbeit liefert fundierte wissenschaftliche Beweise dafür, dass das Bestreben von Regierungen, rassespezifische Gesetze zu erlassen, um die Gefahr für die Bürger zu reduzieren, nicht nur zum Scheitern verurteilt ist, sondern die Menschen in einem falschen Gefühl von Sicherheit wiegt, was die Situation in Wirklichkeit noch verschlimmern kann”, so Daniel Mills.

Der Studie wurde eine Theorie zugrundegelegt, die als “contact hypothesis“ (Kontakthypothese) bekannt ist. Sie wird vorrangig von Soziologen verwendet, um die Herkunft von rassistischen Stereotypen und andere Formen von Vorurteilen zu verstehen. Im Rahmen der Studie befragten die Forscher mehr als 160 Personen, um zu prüfen, ob ihr Kontakt zu Hunden ihre Tendenz, populistische und negative Rasse-Stereotypen zu glauben, beeinflusst.

Sie fanden signifikante Unterschiede in der Haltung zwischen Menschen, die Hunde besitzen oder regelmäßig Kontakt zu Hunden haben, und denen, die das nicht haben. Mehr als die Hälfte (54%) der Befragten, die sich selbst als “erfahren und sachkundig” in Bezug auf Hunde einschätzten, widersprach der Aussage, dass einige Rassen aggressiver seien als andere. Nur 15% der Befragten, die angaben, sie hätten wenig oder keine Erfahrung mit Hunden, teilten diese Ansicht.

Ebenso gab es für mehr als die Hälfte der “erfahrenen” Befragten keinen triftigen Grund für die rassespezifische Gesetzgebung, während weniger als einer von 10 der unerfahrenen Befragten der gleichen Ansicht war.

Die Ergebnisse stimmten mit der Vorhersage überein, dass nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Qualität von Hundekontakten die Tendenz, populistische Rasse-Stereotypen zu glauben, maßgeblich beeinflusst, trotz wissenschaftlicher Gegenbeweise für solche Verallgemeinerungen.

Dabei ist die Variabilität von Verhaltensmerkmalen innerhalb einer Rasse fast immer größer als die Variabilität zwischen den Rassen. Es kann Unterschiede in Bezug auf den (statistischen) Durchschnitt geben. Bei der Beurteilung der Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Individuum sich auf eine bestimmte Weise verhält, sind Verallgemeinerungen allerdings oft unzuverlässig. Der Menschen-Typ, der sich zu bestimmten Rassen hingezogen fühlt und bestimmte Verhaltensweisen fördert, kann ein viel besserer Indikator sein.

Die Forscher entdeckten, dass die Einstellung der Befragten stark von den sichtbaren Merkmalen eines Hundes geprägt wurde. Das kann zu Übergeneralisierung führen. Nicht nur Listenhund-Rassen, sondern auch solche mit oberflächlicheren Merkmalen (etwa starke Muskulatur oder sogar kurze Haare), wurden häufiger durch die Befragten mit weniger Erfahrung oder Wissen über Hunde stigmatisiert.

Üben bestimmte Hundetypen durch ihr Äußeres eine besondere Anziehungskraft aus, kann das dazu führen, dass sie als Waffe oder Statussymbol bevorzugt werden. Das kann dann zu einer sich selbst erfüllende Prophezeiung bezügliches ihres Verhaltens führen, allerdings geprägt durch die Umwelt und nicht durch genetische Effekte.

Das Team regt weitere wissenschaftliche Forschung an, um die Ursprünge und die Basis von negativen Rasse-Stereotypen besser zu verstehen. Dieses Verständnis sollte wiederum die künftige Gesetzgebung beeinflussen.

Quelle: Tracey Clarke, Jonathan Cooper, and Daniel Mills. Acculturation – Perceptions of breed differences in behavior of the dog (Canis familiaris). Human-Animal Interaction Bulletin, 02. December 2013, http://www.lincoln.ac.uk/news/2013/12/813.asp. Die Originalstudie kann – nach Registrierung – hier heruntergeladen werden.

Autorin: Mechthild Käufer ist ursprünglich als Dipl.-Sozialarbeiterin in der offenen Jugendarbeit tätig gewesen. Sie arbeitete als freiberufliche IT- Dozentin und Fachbuchautorin und gründete ihre eigene Computerschule. Hunde begleiten sie und ihren Mann seit über 30 Jahren. Einige “schwierige” Fälle waren nicht zuletzt der Grund dafür, dass Mechtild Käufer eine Ausbildung zur Hundetrainerin absolvierte. Ihr Buch „Spielverhalten bei Hunden“ ist im Kosmos-Verlag erschienen.

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