Redaktionelles

Kommentiert: Der Wolf MT6 ist tot

Der Wolf MT6 aus dem Munsterander Rudel wurde auf Anordnung des niedersächsischen Umweltministeriums erschossen. Foto: giorgiape, Fotolia Der Wolf MT6 aus dem Munsterander Rudel wurde auf Anordnung des niedersächsischen Umweltministeriums erschossen.

„Kurti“, der Wolf MT6 aus dem Munsteraner Rudel, ist getötet worden. Er hatte sich wiederholt Menschen genähert, soll einen Hund verletzt und nach Einschätzung der Behörden ein „generell unberechenbares Verhalten“ an den Tag gelegt haben. Vom Todesurteil über jemanden, den eigentlich gar keiner kannte.

Schlimmer als der Tod

Die Pressestellen landauf landab müssen gut zu tun gehabt haben, nachdem das niedersächsische Umweltministerium die Meldung über die „letale Entnahme“ von MT6 an die Öffentlichkeit gegeben hatte. Kurtis Vorhang konnte nicht fallen ohne einen fulminanten letzten Akt der Bekennung zu Bedauern und Verständnis. Fast könnte man eine Verschwörungstheorie spinnen, so gut hat alles zusammengepasst: Presseveröffentlichungen über Kurtis gesamte „Verfehlungen“, einschließlich das Warten auf den letalen Auslöser. Und dann – nur fürs Protokoll? – das öffentliche Ansinnen, Kurti in ein Gehege zu stecken. Eleganter lassen sich Wolfsfreunde wohl kaum auf letale Entnahmen (ob das das Unwort des Jahres 2016 wird?) einstimmen.

Andererseits: Dort am Gehegezaun dann einen wahrhaft gefährlichen Wolf bestaunen zu müssen, war vielleicht selbst Rotkäppchen zu viel. Womöglich hätte Großmutter ihn auch noch füttern und ausmisten müssen.

Wer war Kurti – nicht „was“

Zahlreich sind jene, die sich Gedanken über Kurti gemacht haben. Über das, was er war. Und über Dinge, zu denen er hätte fähig sein können. Wen interessiert’s, ob er diese Dinge auch hätte tun wollen? Er war ein Wolf. Ein Wolf! Unsere Vorfahren haben den hierzulande nicht ohne Grund ausgerottet. Da geht kein Kuschelkurs. Die 68er haben gesehen, was sie davon hatten.

Ob sich irgendwer auch mal gefragt hat, wer Kurti ist – und nicht nur was? Kann Kurti Jemand gewesen sein? Definitiv. Das Thema Kognition und Persönlichkeit bei Tieren boomt in Forscherkreisen, und eine Menge Leute bekommen große Augen vom Staunen. Aber für Kurti reichte es nicht.

Wolfsbegegnungen

Wir haben es Kurti leicht gemacht, sich ein Bild von uns zu verschaffen. Er hat sich für uns interessiert. Wo er nicht überall aufgetaucht ist. Bei einem Flüchtlingsheim soll er durch den Zaun gespäht, Soldaten Essen abgenommen haben. Hat nicht gewusst, dass man von Fremden nichts annehmen darf. Von Wissenschaftlern hat er sich sogar fangen und mit einem Sendehalsband ausstatten lassen. Ob er in der Bewusstlosigkeit gemerkt hat, dass sie ihn berührten? Dass sie sanft mit ihm waren und umsichtig? Eher begeistert und neugierig, ganz anders als die Herren und Damen in Leder und Fell und Grün, die seinen Ahnen nachstellten. Ein Übergriff auf einen Hund wird ihm nachgesagt: Kurti soll sich drei Menschen und ihrem angeleinten Hund genähert haben, wobei es zu einer Beißerei zwischen Wolf und Hund gekommen sei, bei der der Hund verletzt wurde. Bestätigt ist es indes nicht, dass der Hundebeißer tatsächlich Kurti war. Und ob sich alles wirklich so zugetragen hat wie es die Augenzeugen berichteten – wer weiß? Der verletzte Hund war jedenfalls fit genug, um zeitnah im Fernsehen vorgeführt zu werden. Dabei brauchen Wölfe eigentlich keine Beißerei, um einen Hund zu verletzen. Die machen einmal gekonnt Haps und dann ist der Tierarzt auch schon überflüssig. Und nicht zu vergessen: der letale Auslöser. Da hat Kurti Spaziergänger verfolgt. Wobei, wenn man sich das Video des einen Spaziergängers zu Gemüte führt, verfolgen eher die Spaziergänger den Kurti.

Einsamer Wolf?

Kurti war noch jung. Wahrscheinlich im Abwanderungsprozess und im Loslösen von seiner Familie begriffen. Vielleicht kamen ihm die Menschen in einem netten Sinne interessant vor. Ob er sich einsam gefühlt hat und einfach Kontakt suchte? Es gibt eine Menge Berichte und Geschichten von wilden Tieren, die aktiv menschliche Gesellschaft suchten (und suchen) und die von denen, die sie kannten und kennen, als einsam beschrieben werden. Sie tragen Namen wie Romeo, Luna oder Wilma (wer sie googelt, findet sie gleich, deshalb an dieser Stelle keine Links, sondern die Spezies: Wolf, Orca, Beluga). Und sie bezahlen ihre Zuwendung zum Menschen mit schöner Regelmäßigkeit mit ihrem Leben. Menschen näher kennen zu lernen ist für wilde Tiere nicht gesund.

Dennoch schlummert in ihnen allen – zumindest den sozial lebenden – das Potenzial, gezähmt zu werden. Bei manchen mehr, bei anderen weniger. Und es gibt bis heute Speziesvertreter, die als Urväter und -mütter für Domestikationsprozesse in Frage kämen. Die schneller zahm werden (würden) als andere und zahmer als zahm. Und die denjenigen, der sie sich vertraut gemacht hat, eben nicht fressen würden. Anders als unsere Urväter und -mütter sind wir heute aber nicht mehr in der Lage, die einen von den anderen zu unterscheiden. Oder uns auf sie einzulassen. Mit welchem sinnvollen Ziel auch? Hunde haben wir ja schon, also können wir die, die uns nicht fressen würden, mit denen, die das vielleicht täten, getrost in einen Topf werfen. Ein Hoch aufs Individuum.

Kurti war nicht zu vergrämen

Kurti hatte auch unschöne Begegnungen mit Menschen. Hatte man doch eigens einen Experten aus Schweden eingeflogen, der den Wolf vergrämen sollte. Der Experte kam dann aber gar nicht zu mehr als einer „Ansprache“ Kurtis, denn dieser gab Fersengeld. Kurti war nicht zu vergrämen, weil er nicht bereit war, sich in Reichweite der Vergrämungsobjekte zu begeben. Böser Wolf! Andererseits: vielleicht hat man es auch gar nicht so ernst gemeint mit der Vergrämung. Schon wieder so eine Verschwörung. Aber dummerweise erschwert erfolgreiche Vergrämung letale Entnahme nicht unerheblich. Und an Bär Bruno erinnern wir uns wahrscheinlich alle noch sehr lebendig.

Der Experte aus Schweden, der Kurti vergrämen sollte, reiste nach drei Tagen wieder ab aus Deutschland. Er fand Kurti weder gefährlich noch problematisch. Schon blöd irgendwie, wenn ein eigens eingeflogener Experte niemandem nach dem Mund reden will. Und die Dinge anders sieht als die Bedenkenträger. Die Zeitung Die Welt jedenfalls war sich nicht zu schade, den Todestag Kurtis als einen „guten Tag für Deutschlands Wölfe“ auszurufen. Das niedersächsische Umweltministerium habe zeigen müssen, „dass ‚Wolfsmanagement‘ nicht nur aus bedrucktem Papier besteht, sondern aus genauem Beobachten der Tiere, realistischer Einschätzung ihres Verhaltens und konsequentem Handeln“. Wer hier was „genau beobachtet“ und „realistisch eingeschätzt“ haben will, bleibt offen. Bedenkenträger haben oft eine richtigere Meinung als eigens eingeflogene Experten. Demokratie at its best. Sorry.

Richtig oder falsch

War es eine richtige Entscheidung, Kurti sicherheitshalber zu töten? War es falsch? Gerechtfertigt, notwendig, überflüssig, moralisch vertretbar? Wer weiß das schon. Kurti hat in letzter Konsequenz nicht für seine Fehler bezahlt. Er hat gar keine gemacht. Er hat bezahlt für unsere menschliche Unfähigkeit. Für unsere Ignoranz, Planlosigkeit und Inkonsequenz. Unsere Neugier, unsere Selbstsucht und Sensationslust. Kurti war der, der den Anfang machen musste. Ab jetzt werden letale Entnahmen einfacher sein. Wir werden uns daran gewöhnen. Man kann einen Wolf nicht erst entnehmen, wenn etwas passiert ist. Das geht nur bei Straftätern. Man muss die Menschen in Sicherheit wiegen, sonst war‘s das mit der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland. Dennoch verhelfen solche Gedanken der Diskussion um Persönlichkeitsrechte für Tiere zu einer völlig neuen Dimension.

Ob all die netten und neugierigen Menschen, die Kurti begegnet sind (und die ihre Erlebnisse mithilfe anderer in der Öffentlichkeit breitgetreten haben), einen Beitrag dazu geleistet haben, dass seine letale Entnahme am Ende zum Kinderspiel wird? Und dass diejenigen, die über Kurtis Leben und Tod zu entscheiden hatten, gar nicht anders konnten, als abzudrücken? Gestorben ist Kurti letztlich übrigens nicht wie geplant durch Einschläfern nach Betäubung. Sondern im Rahmen der Amtshilfe durch einen Scharfschützen der Polizei. Der-den-man-wegen-seiner-Distanzlosigkeit-tötet kam für den Schuss aus einem Betäubungsgewehr nicht nahe genug.

Was wäre gewesen, wenn?

Zugegeben, hätte Kurti irgendwann wirklich einen Menschen verletzt oder sogar getötet, wären die Folgen gravierender als sie es jetzt sind. Wir Deutschen sind eine sicherheitsaffine Nation. Wir leisten uns den Straßenverkehr mit 42 Toten auf 1 Mio. Einwohner pro Jahr. Wir liegen damit gut unter dem europäischen Durchschnitt und werden in der Statistik nur von Ländern überholt, die keinerlei Transitverkehr kennen, in denen nur herumfährt, wer genau da auch herumfahren will. Wir nehmen diese Toten in Kauf, weil wir Auto fahren wollen. Und weil anderswo noch viel mehr Menschen auf den Straßen sterben.

Was den Wolf betrifft, so sind wir bislang noch nicht einmal bereit, bloße Begegnungen in Kauf zu nehmen. Auch wenn solche anderswo schon lange keine Menschenleben gekostet haben. Wer weiß, was aus solchen Begegnungen in Deutschland alles werden kann?! In Deutschland sind die Dinge einfach anders.

Wolf, wo bist du?

In Deutschland greifen wir zum Smartphone und filmen den Wolf. Überall. Wir laufen ihm sogar entgegen und hinterher, damit wir ihn formatausfüllend aufs Display kriegen. Vermutlich kann nur in Deutschland eine Frau aus ihrem Auto springen und Wölfe von dem Hirsch vertreiben, den sie soeben zufälligerweise direkt am Straßenrand erlegt haben. Nur ein Wolf war mutig genug, noch am Geweih zu zerren, während sich die Frau schon näherte (ist der auch abnorm?). Wonach es die Frau mit ihrem Video in alle Gazetten und sogar zu Stern TV schaffte. In Deutschland erfinden wir sogar Wolfsbegegnungen, um auch mal „prominent“ zu sein. Wie der Jogger, der behauptete, ein Wolf aus dem Munsteraner Rudel hätte ihm die Hand „angeknabbert“. Oder wie der Jäger, der Ostern 2015 von einem Wolf angegriffen worden sein will. Ein Gutachten zeigte später, dass unter seinem Hochsitz „auch ein Fuchs gegangen war“.

Wir sind schon seltsam. Welches Bild mögen wir abgeben in den Augen eines Wolfes – als Spezies, nicht als Individuen? Was mag ein Wolf wie Kurti von uns denken, welchen Eindruck mag er von uns haben? Den, den auch viele Hunde kennen? Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln, rüber in den Mais und quer durch den Raps – voll verrückt, aber meistens harmlos? Wir wollen dem Wolf am liebsten direkt im Nacken sitzen, damit uns auch ja nicht ein Fitzelchen von dem entgeht, was er den ganzen Tag so treibt. Hauptsache, er kommt uns dabei nicht zu nah. Immerhin sind wir die Entscheider, die sagen, was, wann, wo und wie. Feldforschung von Wölfen an Menschen – wo kämen wir da hin?!

Forschung – aber richtig

Bitte nicht falsch verstehen: Das soll nicht heißen, dass Forschung abgeschafft gehört, damit dem Wolf keine Menschenbegegnungen aufgedrängt werden. Aber so wie sich jeder Mensch in allem wolfsbezogenen Tun selbst hinterfragen muss – Kurti zuliebe, der sonst umsonst gestorben ist – muss sich auch die Wissenschaft hinterfragen. Das Munsteraner Rudel soll jetzt „intensiv beobachtet werden“. Da fragt man sich doch, wie man bisher beobachtet hat, wo Die Welt zu berichten weiß, dass Kurti sehr „genau beobachtet“ und „realistisch eingeschätzt“ wurde. Wie geht denn die Steigerung davon? Noch mehr Wölfe mit Sendehalsbändern? In der Wissenschaft gehören diese mittlerweile in die Kategorie „invasiv“ und werden von einer wachsenden Zahl Forscher abgelehnt. Außerdem ruhen nicht nur exklusive Wissenschaftler-Augen auf den Wölfen in Deutschland. Sie leben bei uns in einer Kulturlandschaft und stehen damit unter der Beobachtung aller, die sich durch diese Landschaft bewegen. Wir alle finden ihre Spuren, wenn wir uns Mühe geben. Wir alle können auf ihren Fährten wandeln. Wir müssen dafür nicht mal unsere Wege verlassen, denn Wölfe wissen menschliche Infrastruktur sehr zu schätzen.

Dabei lernt auch ein Wolf aus jeder Begegnung mit einem Menschen – ob der Mensch um diese Begegnung weiß oder nicht. Wir schweben schließlich nicht geruch- und geräuschlos durch die Gegend. Und wir können Wölfe nicht betrachten wie Kaninchen. Sie haben Wolfsgrips im Oberstübchen, und es gibt eine Menge Dinge, in denen sie uns ebenbürtig sind. Es ist wichtig, zu reflektieren, was ein Wolf aus der konkreten Begegnung mit einem Menschen lernen könnte, egal wie dessen Berufsbezeichnung lautet. Es waren Kurtis Lernerfahrungen gepaart mit dem, was seine individuelle Persönlichkeit ausmachte, die dazu geführt haben, dass er das für uns so untragbare Verhalten zeigte. Was immer seinerseits dahintersteckte. Und es kann durchaus sein, dass die Empfehlung „schätzen Sie sich glücklich, wenn Sie einem Wolf begegnen und beobachten Sie ihn, wenn Sie möchten“ keine wirklich wolfsfreundliche Empfehlung ist. Für niemanden.

R.I.P. Kurti

Vielleicht sollten wir uns bei Wolfsbegegnungen fragen, was wir im Augenblick für diesen Wolf tun könnten. Vielleicht sollten wir uns überhaupt bei jeder Begegnung mit einem wilden Tier fragen, was wir für es tun könnten. Und uns in unserem Tun von der Antwort leiten lassen – anstatt von dem, was uns dazu bringt unsere Handys zu zücken und bei Facebook zu posten. Letztlich findet man nicht nur dann interessante Dinge über Tiere heraus, wenn man ihnen folgt und sie zu Gesicht bekommt. Sehr oft lernt man mehr, wenn man ihren Spuren dorthin nachgeht, wo sie hergekommen sind. Das gilt für uns alle.

Der Weg ist das Ziel. Es tut mir so leid, Kurti. Ich persönlich hätte gewartet. Hätte dich nicht entnommen, nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Als Entscheidungsträger hätte ich mich in Bezug auf dich anders beraten lassen. Von Wolfsexperten, die Wölfe aus dem Freiland kennen. Solchen, die Wolfsverhalten im urbanen Raum hautnah beobachten und nicht nur Spuren suchen und Kot sammeln. Vielleicht hättest du dir irgendwann doch noch nachweislich einen Hund geschnappt oder einen Menschen wirklich konkret gefährdet oder gar verletzt. Aber bis dahin hätte ich gewartet und der Einschätzung der Experten für Wolfsverhalten vertraut. Ich lebe mit dem Straßenverkehr, mit globalem Terrorismus, der Gefahr von Blitzeinschlag, Gewaltverbrechen und unglücklichen Zufällen. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Und dass absolut niemand der Weisheit letzten Schluss für sich gepachtet hat. Meinetwegen hätte ich die politischen Folgen einer möglichen Fehlentscheidung über dich, den MT6, getragen. Klingt nach Terminator, findest du nicht? Aber das wär's mir wert gewesen. Wenn Köpfe rollen müssen, dann nicht deiner allein. Im Gegensatz zu dir hätte ich nach der politischen Exekution noch (m)ein Leben gehabt.

Judith Böhnke

Judith Böhnke, ist ATN-Absolventin mit Spezialisierung auf Hund und Katze sowie VDTT-Vorstandsmitglied und Mitarbeiterin der ATN. Besonders wichtig ist ihr ein achtsamer, gewaltfreier Umgang sowohl mit den Tieren als auch den Tierhaltern. In ihrer Arbeit folgt Judith Böhnke dem Prinzip der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, welches sie auch auf die Mensch-Tier-Beziehung anwendet. Im Kosmos-Verlag ist 2013 ihr Buch "Mit Hunden gewaltfrei kommunizieren" erschienen, 2014 folgte ebenfalls bei Kosmos "Cocker Spaniel - Auswahl, Haltung, Erziehung, Beschäftigung".

Webseite: www.mensch-tier-akademie.de

Soziale Netzwerke

ATN Rückruf Service

ATN Studienberatung Rückruf Service beantragen!

Rückruf anfordern