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Meerschweinchen: sensibel anfassen, richtig hochnehmen

Meerschweinchen richtig hochzunehmen ist eine Herausforderung für Mensch und Tier. Zeabi, DollarPhotoClub Meerschweinchen richtig hochzunehmen ist eine Herausforderung für Mensch und Tier.

Meerschweinchen sind gesellig – aber nicht kuschelig

Meerschweinchen wurden lange Zeit als die idealen Kuscheltiere angepriesen. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die kleinen Nager gar nicht gerne angefasst werden: Streicheln, Einfangen, Hochnehmen, Umhertragen und Kuscheln versetzt sie in großen Stress. Dennoch müssen sie es von Zeit zu Zeit über sich ergehen lassen. Wie Sie Ihrem Meerschweinchen dann helfen können, verrät Ihnen Prof. Dr. Linda Maria Koldau.

Am wohlsten fühlen sich Meerschweinchen in ihrem Gehege: ohne Kuscheln, ohne Streicheln, mit einem Minimum an Körperkontakt zu anderen Meerschweinchen und ihrem Menschen. Wie können Meerschweinchenhalter damit umgehen? Es gibt zwingende Gründe, Meerschweinchen mindestens einmal pro Woche aus dem Gehege zu nehmen: So kommt kein Meerschweinchen am wöchentlichen Gesundheitscheck vorbei, denn das ist die wichtigste Präventionsmaßnahme gegen Erkrankungen. Zum anderen hat nicht jeder eine ideale Wohnung für Meerschweinchen, in der das Gehege direkt mit einem großen Auslauf kombiniert werden kann. Hier steht ein täglicher „Meerschweinchentransport“ vom Gehege in den Auslauf an, ob dieser sich nun in einem anderen Zimmer befindet, auf einem geräumigen, nicht zu sonnigen Balkon oder im Garten.

Meerschweinchen anfassen: Alltag in der Meerschweinchenhaltung

Mit dem Transport sind wiederum Einfangen, Hochnehmen und Tragen verbunden. Weil Stress aber nicht nur das Wohlbefinden der Meerscheinchen beeinträchtigt, sondern auch ernsthafte Erkrankungen nach sich ziehen kann, sollte „das Unvermeidliche“ möglichst stressfrei gestaltet werden. Dennoch gibt es Ausnahmen unter den Meeris, Tiere, die sich Streicheln und vorsichtiges Kraulen durchaus gefallen lassen. Hier setzen in der Tierheilpraxis sogar bestimmte Formen der Berührungstherapie an, auf die Meerschweinchen sehr positiv reagieren.

Anfassen, einfangen, hochnehmen, tragen und – in begrenztem Maße – streicheln und kuscheln gehören also, mit aller Rücksicht auf die Bedürfnisse der Meerschweinchen, zum Alltag der Meerschweinchenhaltung. Wie lassen sich diese Berührungen möglichst stressfrei gestalten?

Meerschweinchen stressfrei einfangen, hochnehmen und tragen

Auch bei Hausmeerschweinchen sitzt die Urangst vor dem Greifvogel, der sie packt und als Beute verschleppt, tief. Mögen unsere besten Absichten hinter Gesundheitschecks, „Transportangelegenheiten“ und Streichel-Wellness stehen – die allermeisten Meerschweinchen erleben sich dabei in der Greifvogel-Situation, fühlen sich gejagt, gepackt und verschleppt. Mit folgenden Tricks können Sie Ihre Meerschweinchen vor derartigen Alpträumen bewahren.

Ab in die Kuschelrolle

Meerschweinchen lieben Kuschelsachen, besonders die Kuschelrolle, einen kurzen Tunnel aus dickem Fleece-Stoff. Meerschweinchenhalter können sich diese Vorliebe ihrer Nager zunutze machen: Dirigieren Sie Ihr Meerschweinchen sanft mit den Händen zur Kuschelrolle oder locken Sie es mit einem leckeren Häppchen hinein. Ist das Tier hineingeschlüpft, nehmen Sie die Rolle an beiden Enden hoch. Halten Sie sie für den Transport so auf dem Arm, dass das Schweinchen von unten gestützt wird und Ihr Ellenbogen den hinteren Ausgang versperrt. Mit der anderen Hand sichern Sie den Vorderausgang, damit das Schweinchen sich nicht plötzlich befreit. In der Regel wird es ruhig in der Rolle sitzen bleiben.

Fotos: Linda Maria Koldau

Der Augenblick des Hochhebens und der Transport bedeuten zwar Stress für das Schweinchen. Dieser wird jedoch dadurch gemindert, dass es nicht unmittelbar von Händen gepackt wird und während des Transports in der vertrauten Kuschelrolle sitzen kann.

Meeri-Transport im Heukörbchen

Insbesondere in einem Gehege mit Fleecedecken statt mit Einstreu ergänzen Heukörbchen die Einrichtung sehr sinnvoll. Denn Meeris wühlen gern und lieben es, sich ganz für sich allein im Heu einzukuscheln. Heukörbchen erleichtern zudem das Einfangen und den Transport eines Meerschweinchens, ähnlich wie die Kuschelrolle. Meerschweinchen, die entspannt in ihrem Körbchen liegen, lassen sich – wenn man sich vorsichtig nähert – oft ganz ohne Panik und wilde Fluchtversuche zusammen mit dem Körbchen hochheben. Dennoch gilt auch hier wieder: Das Tier so sichern, dass es nicht unvermutet aus dem Körbchen springen und sich verletzen kann.

Ein Heukörbchen können Sie übrigens leicht selber basteln. Dafür brauchen Sie

  • flache und offene, möglichst unbedruckte Pappkartons,
  • Zeitung,
  • Einstreu,
  • Heu.

Fotos: Linda Maria Koldau

Das Heu darf gern übrig gebliebenes Heu aus der Futterraufe sein. Den Pappkarton kleiden Sie mit dem Zeitungspapier aus und schneiden, falls der Rand höher als 8 cm ist, zwei bis drei Einschlupflöcher hinein. Anschließend füllen Sie ihn mit einer Lage Einstreu. Darauf kommt als zweite Lage das Heu. Fertig. Ihre Meerscheinchen werden die frischen Heukörbchen lieben: Hier liegen sie weich und gemütlich und können mit dem Schnäuzchen nach leckeren Heuhalmen wühlen.

Transport im Unterschlupf

Dies ist eine Variante des Heukörbchen-Transports: Stellen Sie die Schlafhäuschen und Unterstände Ihrer Meeris in flache Heu-Einstreu-Schalen. Diese können Sie dann samt Meerschweinchen und Haus einfach hochnehmen. Für das Schweinchen in seinem sicheren Unterschlupf bedeutet es relativ wenig Stress, wenn dieser sich plötzlich in die Luft erhebt und woanders abgesetzt wird. Das Tier bleibt ja während des Hochhebens und Getragen-Werdens in seiner „Höhle“. Je sanfter Sie den Transport bewerkstelligen können, desto geringer sind Überraschung und Angst aufseiten des Meerschweinchens.

Übrigens: Stehen die Häuschen und Unterschlüpfe Ihrer Meerschweinchen in Einstreu-Schalen, erleichtern Sie sich auch die Reinigung des Geheges erheblich.

Wer auf die Bedürfnisse von Meerschweinchen achtet, kann die kleinen Nager in viele schöne Aktivitäten im Rahmen Tiergestützter Arbeit einbinden. Nähere Informationen dazu finden Sie auch in unserem Prospekt.

Prof. Dr. Linda Maria Koldau

Prof. Dr. Linda Maria Koldau ist Professorin für Kulturgeschichte und arbeitet seit 2014 in der Tierheilkunde sowie seit 2018 als Dozentin für Veterinäranatomie. Als Tierheilpraktikerin und Tierphysiotherapeutin ist sie besonders auf Meerschweinchen spezialisiert und hat zu dieser Tierart den Ratgeber "Meerschweinchen" beim Kosmos-Verlag sowie mehrere Lehrbücher publiziert.

Webseite: https://tierphysiotherapie-schwedeneck.de.tl

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