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Meerschweinchen: Tipps zum richtigen Streicheln

Meerschweinchen richtig streicheln: das Tier bestimmt wie. Adobe Foto Stock Meerschweinchen richtig streicheln: das Tier bestimmt wie.

Meerschweinchenhalter befinden sich in einem fatalen Dilemma: Am liebsten würden wir die kleinen Fellnasen ja immer wieder ordentlich durchkuscheln. Aber genau das mögen Meerschweinchen gar nicht gern! Sie lassen sich nicht gerne hochnehmen, Streicheln ist ihnen kein Genuss, heftiges Kraulen ein Gräuel. Lesen Sie, wie Sie Ihr Meerschweinchen dennoch streicheln können, ohne dass es in Stress gerät.

Ist Kuscheln wirklich tabu?

Meerschweinchen sind keine Kuscheltiere. Was machen Meerschweinchenhalter, denen die Liebe zu ihren Tieren in den Fingern juckt? Und was sollen Eltern tun, deren Kinder ihre Meerschweinchen innig lieben, aber diese Liebe nur dadurch ausdrücken können, dass sie das Tier in den Arm nehmen und streicheln wollen? Hardliner unter den Meerschweinchenhaltern sagen ein klares Nein zum Kuscheln. Meerschweinchen sollten so wenig wie möglich angefasst und nur für den Gesundheitscheck aus dem Gehege genommen werden. Dabei sind Jagden und stressiges Hochnehmen unbedingt zu vermeiden. So hart müssen die Fronten jedoch nicht sein. Viele Meerschweinchen lassen sich durchaus berühren, wenn sie Vertrauen zu ihrem Menschen gefasst haben, und sie zeigen auch, dass sie manche Berührung gerne mögen. Tatsächlich lassen sich einige berührungsbasierte Techniken der Tierpyhsiotherapie auch auf Meerschweinchen anwenden.

Oberstes Gebot: Das Meerschweinchen bestimmt

Streicheln und Kuscheln ist also möglich. Oberstes Gebot ist jedoch: Das Meerschweinchen bestimmt, was es mag – und danach hat der Mensch seinen Kuscheldrang einzurichten. Die erste Voraussetzung ist, dass Ihr Schweinchen Ihnen bereits vertraut und keine Berührungsängste mehr hat. Dazu ist Geduld gefragt: Bis nach dem Einzug eines neuen Meerschweinchens ein solches Vertrauen aufgebaut ist, können Monate vergehen. Diese Geduld ist aber zwingend notwendig: Erst, wenn das Tier vor Berührung keine Angst mehr hat, kann man mit dem Kuschelkurs beginnen. Weicht ein Meerschweinchen Ihrer Berührung aus, dann zwingen Sie es nicht zum Kuscheln.

Verstehe ich mein Schwein?

Das größte Problem beim Streicheln ist, dass unsere Schweinchen sich häufig unterwerfen, wenn ihnen eine Berührung unangenehm ist. Daher ist es nicht immer einfach zu unterscheiden, ob das Schweinchen ein sanftes Kraulen genießt oder ob es resigniert und die Berührung einfach über sich ergehen lässt, weil es ohnehin keine andere Chance hat. Wenn das Meerschweinchen sich platt macht und nicht mehr bewegt, kuschelt es sich nicht an, sondern versucht voll Angst, sich so klein wie möglich zu machen. Das typische Muckern, das oft beim Streicheln ertönt, ist leider kein wohliges Schnurren wie bei einer Katze. Das Meerschweinchen signalisiert: „Ich mag das nicht – lass das bleiben!“ Darum beim schweinchengerechten Kuscheln immer wieder prüfen: Ist das Tier wirklich entspannt? Kaut es genüsslich an einem Leckerli oder hat es jede Bewegung eingestellt? Sendet es Signale, dass die Berührung aufhören soll (Zucken, Kopf-Hochwerfen, Wegdrehen, Muckern)?

Der Weg zum meerschweingerechten Kuscheln

Regel Nr. 1 für das Kuscheln: Oft ist weniger mehr. Es muss nicht immer Streicheln und Kraulen sein: Schon die vertrauensvolle Nähe schafft ein Band zwischen Ihnen und Ihrem Schweinchen.

  • Weiches Polster: Setzen Sie Ihr Schweinchen auf eine Kuscheldecke auf Ihren Schoß oder legen Sie es sich mit einem weichen Polster auf Ihren Bauch. Geben Sie ihm eine Möglichkeit zum Unterschlupf (Kuschelsack, Decke). Schon diese Nähe zu Ihrem Tier ist eine Art des Kuschelns – die für das Meerschweinchen nur wenig oder gar keinen Stress bedeutet.
  • Erst mal runterkommen: Wenn Sie das Meerschweinchen herausgenommen und auf Ihren Schoß gesetzt haben, lassen Sie ihm erst einmal Zeit. Nach seinem zappeligen Protest – fast jedes Meerschweinchen erhebt nachdrücklichen Einspruch, wenn es aus dem Gehege genommen wird – muss es sich erst einmal beruhigen und erkennen, dass ihm auf Ihrem Schoß nichts passiert.
  • Halt bieten: Schweinchen liegen gerne an Wänden, die ihnen Schutz bieten. Ihr Arm oder Ihr Bauch gibt ihm Halt und ist zudem angenehm warm.
  • Streicheln mit der Fingerkuppe: Machen Sie hauchzarte kleine Streichelbewegungen hinter dem Ohr Ihres Schweinchens. Hier lecken die Schweinchen sich manchmal gegenseitig: Ihre Fingerkuppe kann die Rolle einer liebevollen Meerschweinchenzunge übernehmen.
  • Bindegewebsmassage: Die Anwendung von Techniken aus der Tierphysiotherapie zeigt, dass Meerschweinchen eigentlich nichts gegen sanfte Berührung haben – wenn es nur nicht großflächiges Streicheln oder kraftvolles Kraulen ist. Legen Sie vorsichtig eine Hand an die Seite des Tiers. Wenn es sich an die Berührung gewöhnt hat, bewegen Sie Ihre Hand flächig um 1 mm nach vorne und nach hinten. Das lockert die Haut und das darunterliegende Bindegewebe auf und wird von Meerschweinchen oft als angenehm empfunden. Achten Sie stets darauf, dass die Bewegung nicht zu groß wird und der Druck minimal bleibt.
  • Zarte Streichelmassage: Die sanfteste Art der Massage ist die sogenannte „Streichung“. Sie können Ihr Schweinchen also massieren und dadurch seine Zellen anregen. Benutzen Sie bei Ihrem Meerschweinchen dafür die Fingerspitzen und berühren Sie zunächst nur die äußeren Haare seines Fells. Wenn Ihr Meerschweinchen diese zarte Berührung akzeptiert, können Sie die Streichelbewegung ein wenig vertiefen. Gehen Sie dabei stets mit dem Strich des Fells. Bei Rosettenmeerschweinchen streichen Sie den Kreis der Rosetten sanft nach außen.
  • Sanftes Kraulen: Beschränken Sie sanftes Kraulen – stets vorsichtig nur mit den Fingerspitzen – auf die Körperpartie hinter den Ohren. Wenn Ihr Meerschweinchen dabei entspannt ist, können Sie in aller Vorsicht auch andere Partien kraulen. Bewegungen am Hinterteil mögen Meerschweinchen jedoch nicht.

Lassen Sie Ihr Meerschweinchen bestimmen, wann es genug hat. Wenn es unruhig wird, monoton vor sich hinquiekt oder Gesten des Unmuts macht, ist es Zeit, die Kuscheleinheit zu beenden und das Schweinchen ins Gehege zu setzen. Ein abschließendes Leckerli auf dem Schoß prägt dem Tier ein, dass die Kuschelstunde mit Gutem verbunden ist.

Bitte kein Zwangskuscheln

Zum Schluss noch einmal das wichtigste Gebot: Wenn Ihr Meerschweinchen Berührungen und Streicheln eindeutig nicht wünscht, dann zwingen Sie es nicht dazu. Es gibt Tiere, die Berührung einfach nicht mögen, und das müssen wir respektieren.

Wer auf die Bedürfnisse von Meerschweinchen achtet, kann die kleinen Nager in viele schöne Aktivitäten im Rahmen Tiergestützter Arbeit einbinden.

Prof. Dr. Linda Maria Koldau

Prof. Dr. Linda Maria Koldau ist Professorin für Kulturgeschichte und arbeitet seit 2014 primär über Tierheilkunde. Derzeit absolviert sie eine Ausbildung zur Tierphysiotherapeutin und Tierheilpraktikerin an der ATM und wird künftig mit den Schwerpunkten Schmerztherapie, Physiotherapie und Homöopathie arbeiten. Sie hat zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Artikel veröffentlicht und schreibt momentan in Zusammenarbeit mit der Meerschweinchenhilfe e.V. an dem neuen Meerschweinchenführer des Kosmos-Verlags.

Webseite: akademiekoldau.wordpress.com/tierheilkunde/

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